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OUT OF BERCHTESGADEN
Es gibt die Legende, dass Thomas Huber eine
Tür aufs Feuerhorn geschleppt hat. Eine Tür?
In der Wand? „Ja, das stimmt“, bestätigt
Thomas, aber es sei keine Wohnungstür ge-
wesen, sondern eine von einem ausrangierten
Schrank, um sich einen Pausenplatz in dem
350 Meter hohen Felspfeiler zu bauen. 1994 war
das, als er tagelang mit Grigri und Steigklem-
men seine Route „The End of Silence“ ausboul-
derte. „Es habe einfach keinen komfortablen
Standplatz gegeben“, sagt er. Da habe er sich
mit ein paar Fixseilen und der alten Tür ein
„gemütliches Plateau“ in der steilen Wand
errichtet. „So konnte ich Brotzeit machen, was
trinken und runterschauen in die wunderbare,
gähnende Leere unter mir“, erinnert er sich.
Das Feuerhorn imBerchtesgadener Land nahe
der Reiter Alm: Hier haben die Huberbuam in
der kompakten Nordwand mit vier schweren
Routen Klettergeschichte geschrieben:
Mit „Siddhartha“ hatte alles angefangen. Mit
18 Jahren von Alexander Huber erstbegan-
gen, war es 1987 die erste Freikletterroute in
der Gegend. Alex taufte sein Werk nach dem
Roman von Hermann Hesse: „Siddhartha ist
nicht dem normalen Weg gefolgt und kam doch
ans Ziel“, das habe ihm Mut gemacht, auch
nicht den geraden Weg zu wählen – „Wäre ich
den gegangen, wäre ich heute Physiker“, sagt
der Kletterer. Schon damals folgten diese zwölf
Seillängen dem Huber-Prinzip: „Wir wollten
das sportlich haben, ohne zu viele fixe Siche-
rungen. Es ging darum, eine Route mit mini-
malen Aufwand von Hilfsmitteln zu klettern“,
erklärt Alex. Das bedeutet: Haken wurden ge-
spart. Selbstständig zu sichern, ist hier neben
dem schweren Klettern eine Voraussetzung.
„The End of Silence“ ist auch heute noch eine
der wichtigsten Routen für Thomas Huber: „Ich
bin an der Route gereift, mit ihr erwachsen
geworden“, sagt er. Schon seit seiner Kindheit
habe er die große Idee gehabt, durch den grau-
schwarzen, überhängenden Pfeiler der Feuer-
horn-Nordwand eine Route zu finden.
Bereits in den 80er-Jahren hatte er damit an-
gefangen – es war ein langes Projekt: „Ich bin
immer wieder zurückgekehrt und der Rotpunkt
hat ja auch ein paar Jährchen gedauert.“ Als es
1994 geschafft war, gehörte „The End of Silence“
neben „Silbergeier“ (Beat Kammerlander) und
„Des Kaisers neue Kleider“ (Stefan Glowacz)
zur sogenannten Trilogie, also zu den drei
absoluten Toptouren der Alpen, die die Kletter-
szene ebenso wie ihre Erstbegeher stürmisch
feierte und diskutierte.
Neben sportlicher Absicherung und schweren
Klettereien im 8. und 9. Grad stellt „The End of
Silence“ auch besondere Herausforderungen an
die Ausdauer: Die Schlüsselstelle im 10. Grad
erreicht der Kletterer erst nach neun Seil-
längen – kleine Untergriffe, Seitgriffe, winzige
Leisten und feinste Tritte im überhängenden
Fels erschweren kurz vor dem Ziel noch mal
den Durchstieg. Auch heute gehört die Tour
immer noch zu den schwersten alpinen Frei-
kletterrouten.
„Monstermagnet“ und „Firewall“ waren im
Jahr 2003 Trainingsgelände für die erste freie
Begehung von „Zodiac“ im amerikanischen
Yosemite Valley. Schon im Frühjahr hatten
die Huber-Brüder sich an der Big Wall des
„El Capitan“ versucht, waren wegen der
hohen Temperaturen gescheitert. So zog es
Alex und Thomas im Sommer an die kühlere
Feuerhorn-Nordwand: „Da hatten wir ähnlich
harte Routen wie im Yosemite quasi direkt vor
der Haustür“, sagt Alexander. Sie vollendeten
„Monstermagnet“, die Alex bereits zehn Jahre
früher erstbegangen aber nie Rotpunkt ge-
klettert hatte, und gleich auch „Firewall“. „Das
war die beste Vorbereitung, das hat uns fit
gemacht“, meint Alex. Gestählt vom Feuerhorn
hakten die Hubers dann im Herbst 2003 auch
das Big Wall-Projekt „Zodiac“ ab.
Die vier starken „High-End“-Routen an der
Reiter Alm finden immer wieder neue He-
rausforderer: Etwa Barbara Zangerl, die im
vergangenen Sommer als erste Frau „The End
of Silence“ punktete und Charly Fritzer, der
„Monstermagnet“ wiederholte. Und damit ist
die Geschichte des Feuerhorn sicher längst
nicht zu Ende.
SIDDHARTHA (IX-)
THE END OF SILENCE (X+)
MONSTERMAGNET (IX+)
UND FIREWALL (X+)
THOMAS:
„MANCHE ROUTEN SCHLUMMERN JAHRELANG VOR SICH
HIN UND GERATEN FAST IN VERGESSENHEIT, DANN
KOMMEN DIE WIEDERHOLER UND ERWECKEN SIE ZUM
NEUEN LEBEN. ZULETZT GESCHAH DAS ZUM BEISPIEL
AM FEUERHORN, ALS BARBARA ZANGERL UND CHARLY
FRITZER MIT WIEDERHOLUNGEN IN ZWEI UNSERER
HARTEN KLASSIKER-ROUTEN PUNKTETEN. EINE WEI-
TERE HERAUSFORDERUNG WARTET DORT IMMER NOCH:
‚FIREWALL‘ SUCHT AUCH NOCH EINEN ERWECKER.“