LAWRENCE H. SUMMERS
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JÄNNER/FEBRUAR 2013
wirtschaftsblatt.at
ihre Schulden abzubauen, darin, Handelsüberschüsse zu erzielen. Angesichts der begrenzten
Bereitschaft Deutschlands, eine Verringerung seiner Konkurrenzfähigkeit zu akzeptieren, und
wiederholter Signale der Europäischen Zentralbank, weiter eine lockere Geldpolitik zu ver-
folgen, scheint auch hier exportgestütztes Wachstum das Ziel zu sein.
Und in Asien hat die neue japanische Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe den Wert
des Yen bereits gedrückt und die Exportaussichten verbessert, indem sie eine Konjunkturan-
kurbelung durch Lockerung der Geldpolitik ins Zentrum ihrer Agenda gestellt hat, während
die jüngsten Statistiken aus China ein erheblich stärkeres Exportwachstum nahelegen als ur-
sprünglich erwartet.
Woher also sollen die zusätzlichen Importe kommen, die nötig sind, um all diese zusätzlichen
Exporte aufzunehmen? Vielleicht werden niedrigere Rohstoffpreise Raum für weitere Importe
schaffen und die Handelspositionen in Richtung niedrigerer Überschüsse der Rohstoffpro-
duzenten ausschlagen. Nur würden niedrige Rohstoffpreise in einem kräftigen weltweiten
Konjunkturaufschwung im Widerspruch zu früheren Verlaufsmustern stehen.
Vielleicht werden Schwellenländer mit verbesserten Aussichten höhere Kapitalzuflüsse an-
locken, die durch den direkten oder indirekten Kauf von Anlagegütern erzeugte größere Han-
delsdefizite finanzieren. Aber wird das reichen, um all das auszugleichen, was derzeit in den
größeren Volkswirtschaften passiert? Es ist recht wahrscheinlich, dass einige der Möchte-
gern-Exporteure eine Enttäuschung erleben werden, weil der eingeplante Anstieg ihrer Wett-
bewerbsfähigkeit ausbleibt. Dies ist der Grund, warum Gleichmütigkeit in Bezug auf die Aus-
wirkungen der Sparpolitik auf der Grundlage historischer Erfahrungen fehlgeleitet ist. Ein-
zelne Länder oder Regionen, die in einer florierenden Weltwirtschaft eine Konsolidierung
oder Entschuldung vornehmen, können damit rechnen, dass ihre niedrigeren Zinsen zu einer
Währungsabschwächung und einer verbesserten Handelsposition führen. Doch die meisten
großen Volkswirtschaften können angesichts der weltweiten Konjunkturschwäche nichts Der-
artiges erwarten. Die Sparpolitik jedes Landes erlegt den übrigen Ländern externe Kosten auf,
indem sie die Nachfrage nach ihren Produkten verringert. In diesem Sinne hat sie einen „Beg-
gar-thy-Neighbor“-Aspekt, der sich noch verstärken könnte, wenn die Sparpolitik durch eine
Ausweitung der Geldmenge ausgeglichen wird.
Die Implikationen für die Politik sind klar. Mehr als zu nahezu jedem anderen Zeitpunkt in
den letzten Jahren ist für den wirtschaftlichen Erfolg eine internationale Koordinierung er-
forderlich, um eine überzogene Sparpolitik zu vermeiden. Zentrale Aufgabe der G20 und des
Internationalen Währungsfonds sollte es in 2013 sein, zu gewährleisten, dass die nationalen
Strategien nicht nur auf lokaler Ebene vernünftig, sondern auch global miteinander verein-
bar sind. Andernfalls geht die Gleichung für das globale Wachstummöglicherweise nicht auf.
Aus dem Englischen von Jan Doolan
Copyright: Project Syndicate, 2013
Lawrence H. Summers war
US-Finanzminister (1999-
2001) und Direktor des Na-
tionalen Wirtschaftsrates
der USA (2009-2010). Er
ist ehemaliger Präsident
der Universität Harvard
und dort gegenwärtig als
Professor tätig.
Foto: EPA/Andrew Harrer
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